Corona in der Psychotherapie

Die Corona-Krise aus psychotherapeutischer Sicht

In meiner Arbeit als Psychotherapeutin begegne ich täglich Menschen, die durch die verordneten Maßnahmen im Umgang mit dem Corona-Virus eine erhöhte psychische Belastung tragen. Die kürzlich beschlossenen Lockerungen der Beschränkungen lassen aufatmen. In meiner Praxis kann ich jedoch beobachten, dass die Angst vor einer Erkrankung einerseits, sowie die Belastungen durch die täglichen Einschränkungen andererseits, die Nachfrage nach Psychotherapie erhöhen. Ich befürchte zudem, dass die Angst vor dem Virus und deren Folgen auch uns Psychotherapeuten noch eine Zeit lang beschäftigen werden. Im Folgenden möchte ich ein paar meiner Gedanken und Beobachtungen aus fachlicher Sicht mitteilen, und hoffe, meiner Berufsgruppe damit eine Stimme zu verleihen und einen Austausch anzuregen.


Was ich in meinem persönlichen Umfeld, in der Medienlandschaft sowie sozialen Netzwerken im letzten Jahr beobachten konnte und mir Sorgen bereitet ist eine Spaltungstendenz der Gesellschaft. An dieser Stelle ist ein kleiner Exkurs in die Stressphysiologie zur Erklärung dieses Phänomens in Krisenzeiten hilfreich: Wie wir Menschen auf Gefahren reagieren, hängt von unseren bisherigen Erfahrungen und dem subjektiv empfundenen Ausmaß ab. Stressreduzierende Reaktionen lassen sich in der Regel in drei - überwiegend aus der Traumatherapie bekannten - Kategorien unterteilen: Kampf, Flucht oder Erstarren. In Furchtsituationen werden Stresshormone wie Kortisol, Adrenalin, Noradrenalin und Serotonin freigesetzt, um die notwendigen Ressourcen für eine schnelle Handlung zu mobilisieren. Eine Meisterleistung unseres Organismus, kurzfristig wird sogar unser Immunsystem gestärkt. Während Kampf und Flucht lösungsorientierte Furchtreaktionen sind, ist Erstarren ein aus lebensbedrohlicher Panik resultierender Zustand, der mit einer massiven Kortisol-Ausschüttung einhergeht. Unser präfrontaler Kortex, der Bereich des Gehirns, der für rationales und differenziertes Denken und die Fähigkeit zur Empathie zuständig ist, wird in einem solchen Fall blockiert. Die anhaltende Kortisol-Ausschüttung begünstigt zudem Herz-Kreislauferkrankungen oder Schlaganfälle und eine Schwächung des Immunsystems [1].


Menschen, die sich in einem Ohnmachts- oder Lähmungszustand befinden, können sich z.B. dadurch beruhigen, indem sie Interpretationen oder ein „Glaubens-System“ übernehmen, „das mehr oder weniger rationale Elemente enthält“[2] und dadurch stressreduzierend wirkt. Das macht nachvollziehbar, dass Menschen, die unter Panik leiden, oder auch ein hohes Maß an Sicherheit bedürfen, nach Handlungsfähigkeit (z.B. Hamsterkäufe) oder Führung suchen und empfänglicher sind für vereinfachende Erklärungen und Lösungsansätze. Doch die Sehnsucht nach größtmöglicher Sicherheit, kostet uns möglicherweise auch Freiheit, Selbstbestimmung, Mut und die Offenheit für Veränderungen.


Was wir seit mehr als einem Jahr erleben ist eine allgegenwärtige Bedrohung unserer Existenz, vor der wir uns, wie Merkel betonte, „keine Sekunde in Sicherheit wiegen“ dürfen [3]. Solche von der Bundeskanzlerin, anderen Regierungsvertretern und die in den Medien verwendete Kriegsrhetorik halte ich im Sinne meiner Erläuterung für gesundheitsgefährdend, weil sie unüberlegte Panikreaktionen fördert und die Spaltung der Gesellschaft durch extreme Meinungsbildungen noch vertieft. Diese Spaltung wird jüngst durch Begriffe wie „Impfverweigerer“ und „Verschwörungstheoretiker“ unermüdlich fortgesetzt.


Im Verlauf einer Krise gut überlegte Entscheidungen zu treffen ist für Politiker wie für alle Menschen eine große Herausforderung. Unsere Gesellschaft befindet sich in einem Lernprozess und viele Fragen sind noch ungeklärt. Das gilt es jetzt aushalten zu lernen. Ich denke gerade jetzt ist es Aufgabe der Politik, sowie es auch Aufgabe meiner Berufsgruppe ist, für Beruhigung zu sorgen und differenziert und transparent über die Situation, aber genauso über das Nichtwissen aufzuklären. Eine gut informierte und beruhigte Gesellschaft ist gemeinsam zur Übernahme von Verantwortung und bedachten Entscheidungen und zu gegenseitigem Mitgefühl fähig, was sich zudem stabilisierend auf den Einzelnen auswirkt [4]. Pauschalisierung von Kritik, Denunziationen, Schreckensnachrichten und Kriegsrhetorik helfen da nicht.


Momentan haben wir es auch mit einer "Spreizung der Lebenswirklichkeiten" in unserer Gesellschaft zu tun. Bereits vorangegangene Spaltungen werden dadurch verstärkt[5]: Viele Menschen, auch psychisch Vorbelastete, konnten im Zuge der Ausgangsbeschränkung ihren Alltagsstress reduzieren und sich dadurch entlasten. Diese Erfahrung ist für viele eine Chance, die aber, insbesondere auf längere Sicht, vor allem einer privilegierten Gruppe zukommt: Menschen, die in Partnerschaft leben, weiterhin ein sicheres Einkommen beziehen und bestenfalls noch eine große Wohnung oder Haus mit Garten besitzen. Belastet dagegen waren und sind Menschen, die nun aufgrund ihrer „Systemrelevanz“ mehr arbeiten als zuvor, die Risikopatienten sind, alleinstehend oder auf engem Raum leben. Schwer haben es auch Eltern, die nun ihre Kinder zuhause unterrichten müssen und vielleicht sogar um ihre berufliche Existenz bangen[6].  Was zudem alle betrifft ist die fehlende Perspektive und mangelnde Planbarkeit sowie die notwendige hohe erforderliche Anpassungsleistung an die veränderten Lebensbedingungen. Dieser Umstand frustriert unser Grundbedürfnis nach Orientierung und Kontrolle und kann Zukunftsängste und Hoffnungslosigkeit in einer bereits von Unsicherheit geprägten Zeit hervorrufen.


Manche Menschen, auch mit Vorbelastungen, zeigen in dieser Krise eine erstaunliche Resilienz. Menschen mit Depressionen und Angststörungen sind durch die verhängten Einschränkungen und aufkommendes Ohnmachtserleben besonders gefährdet.  Nicht unbegründet äußerte die Kanzlerin noch zu Beginn der Krise ihre Sorge davor, „am Ende mehr Suizide als Corona-Tote“ zu haben[7]. Diese Voraussicht hat uns möglicherweise vor einer Ausganssperre im Frühjahr 2020 bewahrt, welche laut Resilienzforschung weitaus gravierendere Auswirkung auf unsere Gesundheit gehabt haben könnte[8].


Durch verhängte Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen ist der Zugang zu bewährten depressionslindernden Aktivitäten wie die Förderung sozialer Kontakte, Aktivierung von Ressourcen und Aufbau von Interessen erschwert. Gerade antriebsschwache und sozial zurückgezogene oder sozial ängstliche Menschen können solche Beschränkungen als größeres Hindernis erleben, ihr Vermeidungsverhalten fördern und sogar rechtfertigen. Nicht nur bereits erkrankte Menschen bekommen die Belastung durch die Maßnahmen und die häufig negative Berichterstattung, zu spüren. Auch bei bisher stabilen Menschen, kann die Entwicklung einer depressiven Störung oder Angststörung begünstigt werden[8]. Besonders problematisch sind langandauernde Quarantänemaßnahmen, die zu Angst, Unsicherheiten, Nervosität sowie depressiven und posttraumatischen Symptomen führen und die auch über den Zeitraum der Maßnahme hinaus bestehen bleiben können[9].


Der Slogan der Pandemie, „social distancing“, ist irreführend. An deren Stelle sollte höchstens ein „physical distancing“ stehen. Doch gerade diese körperliche Distanzierung halte ich auch für problematisch, denn Körperberührungen haben für unsere Gesundheit einen enorm hohen Stellenwert. Sie geben Sicherheit, Schutz und führen zur Beruhigung und Stressabbau[10]. Kranken und Sterbenden wird diese Nähe nun teilweise entzogen und damit nicht mehr so begleitet wie es die Menschlichkeit erfordert[11].


Die Angst vor dem Virus konnte bei vielen Menschen nach und nach der Angst vor den Folgen der Maßnahmen weichen und es traten zunehmend finanzielle Existenz- und Zukunftsängste auf[12]. Im Anschluss an die Krise ist damit zu rechnen, dass viele Menschen aufgrund von Arbeitsplatzverlust oder Konkursen psychische Folgestörungen erleiden. Es ist bekannt, dass Arbeitslosigkeit krank machen und zu bedrohlichen Herz-Kreislauferkrankungen oder Suizid führen kann[13]. Psychotherapie kann diese Menschen begleiten und stützen, aber nur im Sinne einer Schadensbegrenzung, denn sie bietet keine langfristige Lösung. Hier bedarf es vielmehr einer multidisziplinären Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern, Berufsberatungen etc., um ein ausreichendes Unterstützungsangebot zu bieten.
Gesundheit definiert sich durch mehr als nur die Abwesenheit von Krankheit. "Gesundheit ist ein Zustand vollkommenen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens" [14]. Unverzichtbar für die Gesundheit und Verbundenheit der Gesellschaft sind daher die Relativierung der Bedrohung durch eine differenzierte Berichterstattung und moderierende Kommunikation, die möglichst alle Gruppe miteinbezieht und eine Spaltung der Gesellschaft eher verhindert als befürwortet [15]. Die Krise bietet zudem Chance, sich nun Themen von sozialer Ungleichheit, Unterbezahlung von Pflegepersonal, Privatisierung des Gesundheitssystems und vieles mehr, zu widmen und Lösungen zu generieren, die uns zukünftig als Gesellschaft resilienter machen.


Corona konfrontiert uns nun mit existentiellen Themen wie Tod und Vergänglichkeit und der damit schmerzhaft erlebten Ohnmacht. Würden wir unsere Endlichkeit wieder mehr als Teil des Lebens akzeptieren und integrieren, könnte uns dies zukünftig vielleicht vor der Hybris bewahren, sich in einer Pandemie der Aufgabe zu widmen „jedes Leben zu retten“ [16]. Doch das Leben ist viel mehr als nur die Vermeidung von Tod und Vergänglichkeit. Wollen wir das doch um jeden Preis, bewegen wir uns freiwillig in ein sicherheitsspendendes Zwangssystem, das uns jeglicher Freiheit versagt.

                                                                                                                                                                                              Mai 2020, Aktualisierung Juli 2021

                                                                                                                                                                                       J., Psychologische Psychotherapeutin

Quellen:
[1] https://www.spektrum.de/news/psychische-folgen-der-corona-krise/1716676

[2] Sachsse, U. (2009). Die normale Stressphysiologie. In: Sachsse, U. (Hrsg). Traumazentrierte Psychotherapie. Stuttgart: Schattauer.

[3] https://www.br.de/nachrichten/deutschland-welt/merkel-mahnt-duerfen-uns-keine-sekunde-in-sicherheit-wiegen,RwiXsSb

[4] https://www.spektrum.de/news/psychische-folgen-der-corona-krise/1716676

[5] https://www.zeit.de/politik/2020-05/corona-proteste-wut-psychologie-politikpodcast

[6] https://www.spektrum.de/news/psychische-folgen-der-corona-krise/1716676

[6] https://www.sueddeutsche.de/politik/angela-merkel-corona-ansprache-tv-1.4850828

[7] https://www.spektrum.de/news/psychische-folgen-der-corona-krise/1716676

[8] https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/generelle-maskenpflicht-ist-wissenschaftlich-hoch-fragwuerdig-li.82885

[9] https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(20)30460-8/fulltext

[10] https://www.sueddeutsche.de/leben/pollmaecher-corona-isolation-psychisch-kranke-1.4900241

[11] https://www.ethikrat.org/fileadmin/PDF-Dateien/Pressekonferenzen/pk-2020-04-07-dabrock-augsberg.pdf

[12] https://www.spektrum.de/news/psychische-folgen-der-corona-krise/1716676

[13] https://www.zdf.de/nachrichten/politik/coronavirus-epidemiologe-folgen-helmholtz-100.html

[14] http://gesundheitsmanagement.kenline.de/html/definition_gesundheit_krankheit.htm 

[15] https://www.spiegel.de/gesundheit/coronakrise-nils-minkmar-mit-psychologe-stephan-gruenewald-a-4d7ebc19-cae8-4a72-b53a-862a6ca50710

[16] https://www.tz.de/muenchen/stadt/coronavirus-muenchen-party-polizei-soeder-lockdown-regeln-bayern-90083918.html