Corona und Kinder

Bevor wir auf die Begleitung von Kinderängsten und Übergängen (weiter unten) eingehen, verweisen wir als Erstes auf einen sehr gut gemachten, ruhigen Film über die Auswirkungen der Maßnahmen und der gesamtgesellschaftlichen Situation auf Kinder und Jugendliche. Hier werden somatische, biologische, psychologische, soziale und pädagogische Aspekte beleuchtet, und eine Prise Juristerei gibt's obendrein. Eine überaus lohnende Dreiviertelstunde!

http://corona-kinder-film.de/

 

Und ein weiterer Dokumentarfilm - Lockdown Kinderrechte:

https://www.youtube.com/watch?v=ThFrysYXI5c


Wir stellen sehr gerne ein erstes Projekt vor, bei dem betroffene Eltern Unterstützung bekommen können. Regional ist es in München verortet, und wir hoffen, dass es bald breitflächig Schule macht:

 

Corona und Eltern


Weitere interessante und aufschlussreiche Medienbeiträge finden Sie hier.


Kinderängste in schwierigen Zeiten begleiten

In der aktuellen globalen Krisensituation und der damit verbundenen Verbreitung von Angst und Panik, habe ich mich entschlossen, eine paar Zeilen zu schreiben, um Eltern in Sorge, ein paar Informationen und Möglichkeiten an die Hand zu geben, wie sie mit ihren Kindern und der allgemeinen Angst vielleicht etwas leichter umgehen können.

Mit den folgenden Zeilen möchte ich die Situation nicht verharmlosen oder negieren, ich möchte dazu beitragen einen Umgang damit zu erleichtern, damit die vielen davon direkt und indirekt betroffenen Kinder, die Chance haben, ihre Gefühle auf angemessene Weise zu integrieren. Dies ist aus meiner Sicht, eine wichtige Grundlage für seelisches Wohlbefinden. Stress jeglicher Art, auch emotionaler Stress, schwächt das Immunsystem nachhaltig. Längere Anspannung durch eine äußere angstmachende Gefahr braucht Wege sich zu entlasten, damit sie nicht im Körper verbleibt und sich schlimmstenfalls ausweitet.

Ich gebe hier einen kleinen (unvollständigen) Einblick in meine psychotherapeutischen Kenntnisse zum Thema Angst und versuche einige mir wichtig erscheinende Informationen zusammenzutragen. Ergänzend gebe ich Anregungen aus meiner therapeutischen Beratungsarbeit, damit Eltern ängstliche Kinder gut begleiten können.

 

 

 

 



Ein wichtiger Hinweis vorab:


Wenn Sie oder Ihr Kind ernstzunehmende körperliche Symptome haben sollten oder Sie unsicher sind, was Ihrem Kind fehlt und wie Sie damit umgehen können, sollten Sie umgehend kinderpsychiatrische Hilfe in der nächstgelegenen Fachklinik in Anspruch nehmen.

Folgende Symptome bedürfen einer ärztlichen Abklärung:
Herzklopfen, erhöhte Herzfrequenz
Schweißausbrüche/ Kälteschauer/ Hitzewallungen
Leichtes bis mittelstarkes Zittern
Mundtrockenheit/ Kloßgefühl im Hals
Atembeschwerden/ Beklemmungsgefühle/ Schmerzen im Brustkorb
Ruhelosigkeit/ Aufgedrehtsein/ Anspannung
Konzentrationsschwierigkeiten/ Reizbarkeit/ Einschlafstörungen
Schwindel, Schwäche, Benommenheit
Angst vor Kontrollverlust
Angst zu sterben

 


Welchen Sinn hat Angst?

Angst ist ein affektiver Zustand, also mit einem Gefühl von Bedrohung verbunden, welches mit körperlichen Begleiterscheinungen einhergeht. Ängste sind wichtiger Bestandteil menschlicher Emotionen, denn sie warnen uns vor Gefahren und sichern damit unser Überleben. Sie dienen der sozialen Anpassung und zeigen sich beispielsweise in Trennungsangst, Verlustangst, Angst vor Kränkung, Angst vor Liebesverlust oder Angst vor Autonomie. Es gibt zudem die reale Angst -auch Frucht genannt-, welche uns vor realen Bedrohungen und Gefahren warnt und schützt. Schwierig wird es dann, wenn ein Zuviel oder ein Zuwenig an Angst oder eine diffuse, weil unbegründete Angst entstehen.

Wie äußert sich Angst?

Angst kann sich auf verschiedene Weisen ausdrücken: als Gedanke, als Gefühl, als körperliche Reaktion und als Verhaltensweise. Kinderängste und ihre Begleiterscheinungen sind Teil der kindlichen Entwicklung, wobei sich die Angstinhalte je nach Alter und kognitiver Entwicklung verändern.

Alter 1 Jahr: Ängste vor fremden Menschen, fremden Gegenständen, lauten Geräuschen, Höhenangst.

Alter 2-4 Jahre: Angst vor Tieren, vor der Dunkelheit, Angst vor dem Alleinsein

Alter 4-6 Jahre: Angst vor Fantasiegestalten, wie Monstern, Gespenstern, Geistern oder Blitzen.

Alter 7-10 Jahre: Angst vor (Leistungs-)Versagen, Angst vor Bewertungen/ Verurteilungen, Angst vor Krankheit.

Was tun bei Angst?

Kinder brauchen Begleitung beim Umgang mit ihren Ängsten. Je besser sich Erwachsene mit ihren eigenen Ängsten auskennen und einen Umgang für sich damit gefunden haben, desto besser können sie Kinder dabei begleiten.

Wichtig ist, dass Ängste da sein dürfen. Angst darf gesehen werden, dann kann auch ein guter Umgang damit gefunden werden. Wenn Angst einen angemessenen Raum bekommt, muss sie nicht unterdrückt oder verdrängt werden. Wenn Ängste häufig weggedrückt werden, kann es sein, dass sie sich an anderer Stelle zeigen. Können Ängste aus der Kindheitsentwicklung nicht bewältigt oder unzureichend verarbeitet werden, wirken sie im Unbewussten weiter. Daraus können sich sogenannte „Angststörungen“ entwickeln.

Für einen guten Umgang mit Angst sind weniger die Formen und Intensitäten der Angst entscheidend, sondern die Fähigkeit eines Menschen die Ängste zu bewältigen. Ängsten kann begegnet werden: mit Verstand und logischem Denken, mit Veränderungen der äußeren Begebenheiten sowie aggressiven Gegenmaßnahmen. Innerhalb der kindlichen Entwicklung ist es eine wichtige Aufgabe, geeignete Abwehrmaßnahmen zu entwickeln, um eine Überflutung von Angstgefühlen zu verhindern.

Wie kann ich mit meinem ängstlichen Kind umgehen?

In den nachfolgenden Beispielen geht es mir darum, Eltern Anregungen zu geben, wie sie gemeinsam mit ihren Kindern, einen Umgang mit Ängsten entwickeln können. Kinderängste sollten ernst genommen und nicht „weggeredet“ werden. Eine hilfreiche Möglichkeit in jedem Alter bietet das Symbolisieren oder Externalisieren. Das bedeutet, dem Gefühl einen Ausdruck zu verleihen, Worte, Bilder, Rituale oder Gesten für die Angst zu finden. Dies kann auf unterschiedlichen, zumeist auch sehr kreativen Wegen geschehen. Das begleitete Spiel ist eine wunderbare Möglichkeit, Kindern einen Raum zur Verfügung zu stellen, in dem alles sein darf. Denn im Spiel ist alles möglich. Wir können im Spiel jede Rolle einnehmen, wir können Superkräfte haben und wir können aber auch mal sehr traurig sein. Wenn Kinder etwas spielen, denn ist es für sie so, als hätten sie es „in echt“ erlebt. Es geht darum durch das Ausdrücken von Gefühlen, die Kinder in ihrem Inneren/ in ihrem Selbst zu stärken.

Ich gebe hier einige spielerische Anregungen, die Eltern dazu ermutigen sollen, sich mit der eigenen Angst und der, der Kinder zu befassen. Mir geht es darum, das Angstgefühl neben anderen Gefühlen stehen zu lassen. Die Angst soll nicht ausgeklammert werden. Sie soll sich aber auch nicht in Panik entwickeln. Der Fokus ist auf das Positive gelegt und auf die Stärkung der Selbstwirksamkeitserfahrung.

Sechs Möglichkeiten, Kinder im Umgang mit Ängsten zu begleiten

1. Kuscheltier-Runde: Jüngere Kinder identifizieren sich schnell mit Kuscheltieren oder Puppen. Einzelne Tiere können verschiedene Rollen einnehmen. Z.B. die ängstliche Schnecke, der mutige Löwe, die leise Katze usw.
Gehen Sie mit Ihrem Kind in ein Rollenspiel. Lassen Sie das Kind (je nach Alter) für die Tiere oder Puppen Eigenschaften beschreiben. Helfen Sie mit Ihren eigenen Ideen mit und bestärken Sie das Kind, weitere Eigenschaften und Gefühle zu finden. Lassen Sie das Kind ein Spiel vorschlagen, gehen Sie mit und bringen z.B. das Thema „Angst vor Krankheit“ ein. Lassen Sie die Tiere/ Puppen in verschiedenen Rollen sprechen. Was sagt der mutige Löwe über die Angst vor Krankheit? Was sagt die leise Katze? usw.
Helfen Sie dem Kind verschiedene Rollen und Perspektiven einzunehmen (je nach Alter) oder führen Sie ein kleines Puppentheaterstück auf. Machen Sie deutlich, dass Angst dazu gehört, dass es aber auch Möglichkeiten gibt, sich zu schützen oder zu trösten. Z.B. kann die Katze sich unter dem Bett verstecken oder der Löwe brüllt die Angst hinfort.

2. Mal- und Kritzel-Spiel: Mit geschlossenen Augen werden auf einem großen Blatt Papier, Schnörkel, Kringel, und Formen gemalt. Mit geöffneten Augen kann dann geschaut werden, welche Tiere, Gegenstände oder Figuren aus den Kringeln gemalt werden können. Es werden Striche ergänzt und es entstehen neue Formen. Je nachdem welche Formen und Figuren dem Kind einfallen, können die Themen des Kindes aufgegriffen werden. Als Elternteil kann es so besser gelingen, sich in die Gefühlswelt des Kindes einzufühlen. Wenn das Kind z.B. in jedem Kringel ein Monster sieht, könnten Sie darüber mit Ihrem Kind sprechen. Sie könnten dann aus einem anderen Kringel z.B. einen Schutzengel oder ein Monsterfresser malen. Der Elternteil und Kind können sich beim Mal abwechseln.

3. Schutzstein: Manchen Kindern hilft es, wenn sie einen kleinen Talisman bei sich tragen, um sich sicherer zu fühlen. Dafür können Steine bemalt werden oder mit einer Schutzformel/ Zauberspruch gemeinsam belegt werden. Der Stein kann nach Bedarf in der Hosentasche getragen werden. Ähnliches kann man auch mit Muscheln oder Murmeln machen. Muscheln könnten sogar mit einem Band um die Hals getragen werden.

4. Glückskette: Wenn Kinder gerne basteln und sich schmücken, kann aus Perlen oder Filzkugeln eine Glücks-Kette oder Schutz-Kette gefertigt werden. Dabei ist es wichtig einen gemeinsamen Prozess zu gestalten und das Kind bei seiner Tätigkeit zu begleiten. Sie können als Eltern diese Idee einbringen und mit ihrem Kind überlegen, wofür jede einzelne Perle stehen soll. Z.B. die rote Perle für Entspannung, die blaue Perle für Liebe, die gelbe Perle für Ruhe usw. Überlegen Sie mit dem Kind, wieviel Liebe es nach seiner Einschätzung z.B. heute braucht? Dann wird die entsprechende Anzahl von blauen Perlen aufgefädelt. Lassen Sie sich auf einen kreativen Prozess ein und nehmen Sie die Ideen Ihres Kindes auf. Bleiben Sie dabei jedoch in positiven, stärkenden Beschreibungen. Diese Kette kann auch täglich erneuert und verändert werden. Sie bietet einen guten Anlass über die Gefühle und Bedürfnisse mit dem Kind im Gespräch zu bleiben.

5. Schutz-Burgen: Sie können mit Ihrem Kind aus Legosteinen, Bauklötzen oder aus Playmobil Spielsachen, Schutz-Burgen oder Gebäude bauen. Dabei können Sie ins Gespräch darüber kommen, wie es den Figuren geht und was ihnen vielleicht helfen würde. Werden Sie kreativ, Lösungsmöglichkeiten zu entwickeln, die Figuren zu retten oder ihnen etwas Gutes zu tun. Statten Sie die Schutzburgen mit allen Annehmlichkeiten aus: gemütliche Betten, Kuscheldecken, Limonade, Fernseher, Handy etc. Entwickeln Sie mit Ihrem Kind darüber Phantasien, wie es den „Burg-Bewohnern“ geht und was sie besonders gerne machen.
Ein ähnliches Spiel kann auch im Sandkasten gespielt werden. Dabei können auch Höhlen oder Tunnel angelegt werden, die den „Bewohnern“ viele verschiedene Wege eröffnen mit ihrer Angst umzugehen.

6. Helden-Cartoon: Sie können sich mit Ihrem Kind eine Comic-Figur überlegen, einen kleinen Helden. Sie entwickeln eine kurze Geschichte darüber, was dieser Held erlebt, was er besonders gut kann, wo er wohnt, wie seine Freunde heißen usw. Diese Geschichte malen Sie in kleinen, einfachen Sequenzen mit Ihrem Kind gemeinsam auf. Daraus entsteht ein Helden-Comic, der immer weiterentwickelt und auf die äußeren Umstände angepasst werden kann.

Warum Spielen so wichtig ist

Auch wenn diese Ideen Ihnen vielleicht nicht besonders neu oder originell vorkommen mögen, weil Sie ohnehin viel mit Ihrem Kind spielen, so möchte ich Sie in diesen besonders angespannten Zeiten, gerne ermutigen, in noch mehr Achtsamkeit, Bewusstheit und Einfühlsamkeit mit Ihrem Kind zu spielen. Wenn Sie sich Sorgen machen, über die Auswirkungen äußerer Einwirkungen auf die Seele Ihres Kindes, können diese Spielmöglichkeiten Anregungen bieten, das Kind bewusst in ein „verarbeitendes Spiel“ zu begleiten. Wenn Ihre Kinder von sich aus, einen Anlass bieten für das Spielen einer Belastung oder Angst, haben Sie vielleicht durch meine Anregungen, die Möglichkeit in einer bewussteren Haltung Ihr Kind beim Finden von Stärken, Ressourcen und Kräften zu unterstützen.

Ziel ist es, dem Kind auf indirektem, spielerischem Wege, Lösungsmöglichkeiten im Umgang mit der Angst und auch anderen Gefühlen anzubieten. Haben Sie Vertrauen, dass sich Ihr Kind, die für sich passende Möglichkeit herausnimmt. Und wenn es beim Kind auf fruchtbaren Boden fällt, wird es von sich aus, das gleiche Spiel wieder und wieder einfordern, denn: Kinder lieben Wiederholungen und sie lieben das Spiel!

Ich wünsche Ihnen und Ihrem Kind, viel Freude bei der Umsetzung.

Mögen daraus viele fruchtbare Erkenntnisse und Erfahrungen erwachsen!

 

                                                                                                                                                                     S., Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin


Übergänge oder Es gibt eine Zeit nach Corona

Übergänge – das ist ein Thema, dass mich bereits seit vielen Jahren zunehmend beschäftigt. Nicht nur als Psychotherapeutin, sondern auch als Mutter und Mensch.


Tagtäglich erleben wir unzählige Übergänge, mehr oder weniger bewusst. Vom Wachsein ins Schlafen, vom Umarmen zum Loslassen, vom Kommen zum Gehen, von Aktivität zur Entspannung, vom Kranksein zum Gesundsein. Übergänge finden sich überall. Sie bilden die Brücke vom einen in den anderen Zustand. Und je nachdem in welcher Verfassung wird sind, erleben wir diesen Übergang intensiv oder eher flüchtig. Wir gestalten den Übergang aktiv mit oder lassen ihn geschehen.


Und egal, was wir davon halten oder ob wir uns dessen bewusst sind, Übergänge betreffen uns alle und wir erleben sie täglich. Übergänge sind für mich ein zentrales Lebensthema und ich glaube, dass es unumgänglich ist, sich damit auseinander zu setzen.
Wie gestalte ich meine Übergänge? Wie möchte ich vom einen in den anderen Zustand wechseln? Was macht mir den Übergang leicht, was schwer? Wann schaffe ich den Übergang leichter allein, wann wünsche ich mir Begleitung? Wie schaffe ich Übergänge als Familie, für meine Kinder?

Auch die andauernde Corona-Krise ist eine Zeit der Übergänge. Übergangsweise Homeoffice, übergangsweise nicht nach draußen, übergangsweise weniger arbeiten, mehr Kinderbetreuung usw.


Und auch wenn ich natürlich nicht in die Zukunft schauen kann, so bin ich dennoch sicher, dass es eine Zeit nach Corona geben wird. Und das beschäftigt mich immer wieder.


Als Mutter bin ich mit einem Sohn gesegnet, der seit inzwischen sieben Jahren das Thema Übergänge in den Mittelpunkt unserer Familie gerückt hat. Sein Bedürfnis nach fließenden Übergängen vom einen in den anderen Zustand, ist seit seiner Geburt recht ausgeprägt. Nicht immer gelingt es uns, diesem Bedürfnis nachzukommen und es hat einige Zeit gebraucht, um als Eltern zu verstehen, dass er in diesen Übergängen mehr Begleitung, Geduld und Liebe braucht, als vielleicht manch anderes Kind.


Vielleicht liegt dieser Umstand darin begründet, weil unser erster Sohn bereits im Übergang vom schützenden Bauch in die helle Welt, einige Unsicherheiten erleben musste, die ihn derart geprägt haben. So tat er sich einige Jahre schwer mit dem Übergang vom Tag zur Nacht und vom Schlafen zum Aufwachen. Es fällt ihm schwer von einem Ort zu einem anderen zu wechseln, auch wenn es sich um bekannte Plätze handelt.


Und auch wenn ich weiß, dass es Teil der kindlichen Entwicklung ist, dass es Phasen gibt, in denen Kinder sich schwerer tun mit Veränderungen, so sehe ich heute durch unseren zweiten Sohn, dass Übergänge auch anders durchlebt werden können. Natürlich weiß ich, dass ein Vergleich von Kindern nicht besonders angebracht ist, und dennoch habe ich durch meinen zweiten Sohn und seinen ganz anderen Umgang mit Übergängen, gelernt, die Bedürfnisse meines ersten Sohnes viel besser zu verstehen. Und was vielleicht noch wichtiger ist: ich habe gemerkt, dass ich kompetent bin, in der Begleitung meiner Kinder bei ihren individuellen Übergangsbedürfnissen. Das war eine sehr wichtige Erfahrung für mich als Mutter. Inzwischen bin ich sensibilisiert und geübt in einer Vielzahl von Möglichkeiten der Gestaltung von Übergängen. Uns haben dabei vor allem feste Rituale und Strukturen geholfen, unseren Söhnen, die Übergänge zu erleichtern. Wir haben viele kreative Abläufe entwickelt und sind erfinderisch geworden, um uns bewusst vom einen in den anderen Zustand zu bewegen. Und dennoch gibt es auch Momente, wo wir mit unserem Latein am Ende sind. Wo uns die Ideen ausgehen und wir genervt oder verzweifelt sind, weil unser Sohn sich so schwer tut. Dann heißt es aus-Halten, da sein und die Unsicherheit, die unseren Sohn in diesem Moment bewegt, mitzutragen.


Und in der Tat ist das auch einer der Hauptgründe für meinen Artikel. Ich frage mich, wie kann ich den Übergang von zu Hause in den Kindergarten oder in die Schule gestalten? Wie kann ich uns, aber vor allem meine Söhne darauf vorbereiten? Braucht es eine Zeit der (Wieder-)Eingewöhnung? Wie spreche ich das an?


Ich möchte mir Zeit und Raum dafür nehmen, nach dieser Zeit des Ausnahmezustands, meine Kinder wieder in einen anderen Alltag zu begleiten. Ich möchte einen guten, fließenden Übergang herstellen, weil ich der Meinung bin, dass sich diese Mühe auszahlt und meine Kinder dadurch gestärkt werden. Gleichzeitig weiß ich, dass meine psychotherapeutische Arbeit wichtig für einige andere Familien ist und ich auch in diesen Zeiten präsent sein muss und möchte.


Wenn Übergänge durch äußere Umstände, wie zum Beispiel jetzt durch das Corona-Virus, nicht ausreichend fließend gestaltet werden können, entstehen oft große Unsicherheiten. Plötzlich ist keine Schule mehr und es gibt weniger Bewegungsräume. Die Eltern sind plötzlich für die Beschulung zuständig und arbeiten parallel von zuhause. Plötzlich dürfen Freunde nicht mehr nach Hause eingeladen werden usw.


Besonders bei meinen jungen Patient:innen bringt das zu den bestehenden seelischen Problemen, zusätzliche Ängste hervor. Klar ist, dass jeder Mensch ein anderes Bedürfnis hat, wie ein Übergang gestaltet werden sollte, und dass es individuelle Unterschiede gibt, wie viel Vorbereitung ein Mensch für diesen Wechsel benötigt. Aber es wäre bestimmt für alle Menschen hilfreich, wenn wir das Augenmerk immer wieder auf die bewusste Gestaltung von Übergängen legen würden. Das ist sicher keine leichte Aufgabe, denn wir können vieles nicht voraussehen und einiges geht im alltäglichen Funktionieren müssen, unter. Aber manches Mal reicht es vielleicht auch schon aus, den holprigen oder beängstigenden Übergang zu bemerken und zu benennen. Denn dann bekommt dieses diffuse, unwohle Gefühl, was vielleicht beim Übertritt vom einen in den anderen Zustand entstanden ist, mehr Kontur und Gestalt. Es kann dann leichter verarbeitet und integriert werden. Gut integrierte Erfahrungen und Gefühle tragen wesentlich zu seelischer Gesundheit bei. Und die ist in Zeiten von äußeren Unsicherheiten mindestens genauso wichtig, wie körperliche Gesundheit.


Ich wünsche mir, dass wir in diesen wechselhaften Zeiten gute Übergänge gestalten können. Dass wir uns selbst, aber auch unsere Kinder, Partner:innen und Patient:innen bei ihren Übergängen gut begleiten können und gemeinsam dafür Worte finden, die eine Brücke bilden für diesen Moment des Zwischen-Zustands.

 

                                                                                                                                                                     S., Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin


Alexandra Bolender und Juliane Sprunk stellen in Gunnar Kaisers Podcast ihr Online-Training "Starke Eltern, starkes Schuljahr" vor, welches für Eltern im Hinblick auf die aktuelle Situation ein breites Spektrum von kommunikativen, lösungsorientierten Hilfen anbietet, wie zum Beispiel das Aufklären der Fragen:
Welche Rechte können Eltern für sich und ihre Kinder in Anspruch nehmen?
Wie können Eltern erfolgreich in Kommunikation mit Schulen und anderen Eltern treten und Konflikte vermeiden?

 

https://open.spotify.com/episode/1vbbJmFdZEs463rxIhzlEJ